Groß sein als Kind – meine Geschichte vom Anderssein
Groß sein als Kind – meine Geschichte vom Anderssein
Wenn ich heute darüber nachdenke, wie es war, als Kind und Jugendlicher größer zu sein als die meisten anderen, muss ich manchmal schmunzeln. Damals fand ich es allerdings nicht immer lustig. Im Gegenteil. Meine Körpergröße war schon früh etwas, das mich begleitet hat – und zwar nicht nur körperlich, sondern auch im Umgang mit anderen Menschen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich eigentlich nie einfach nur „ich“ war. Ich war oft der Große. Der, der aus der Reihe herausragte. Der, bei dem andere wissen wollten, wie groß er denn nun schon wieder geworden ist. Für die anderen war das häufig nur eine harmlose Frage oder ein interessierter Kommentar. Für mich gehörte es irgendwann einfach dazu, ständig auf meine Größe angesprochen zu werden. Man gewöhnt sich daran, aber irgendwann möchte man eben auch nicht mehr darüber reden.
Besonders komisch war, dass meine Größe oft dazu geführt hat, dass andere mich älter eingeschätzt haben, als ich tatsächlich war. Wenn man deutlich größer ist als seine Freunde, wird man schnell anders wahrgenommen. Man soll vielleicht reifer sein, sich entsprechend verhalten oder bestimmte Dinge schon können, obwohl man eigentlich genau das gleiche Alter hat wie alle anderen. Körperlich sieht man älter aus, innerlich ist man aber trotzdem einfach ein Kind oder Jugendlicher, der seinen eigenen Weg sucht.
Auch in der Schule war die Körpergröße natürlich nicht zu übersehen. Ich saß an denselben Tischen wie alle anderen, stand in denselben Reihen und machte beim Sport mit. Nur passte mein Körper irgendwann nicht mehr so richtig zu dem, was für alle anderen selbstverständlich war. Und das zieht sich durch viele kleine Situationen, über die man damals wahrscheinlich gar nicht groß nachdenkt. Ein Stuhl, der unbequem ist. Ein Tisch, der zu niedrig ist. Ein Sportgerät, das sich irgendwie falsch anfühlt. Dinge, die für andere völlig normal sind und für einen selbst eben nicht.
Beim Sport habe ich meine Größe teilweise als Vorteil empfunden. Groß zu sein kann natürlich praktisch sein. Gleichzeitig bedeutet groß sein aber nicht automatisch, dass alles leichter ist. Lange Arme und Beine bewegen sich anders, der Körper muss sich erst an seine eigenen Proportionen gewöhnen und gerade während des Wachstums verändert sich ständig etwas. Man hat manchmal das Gefühl, der Körper wächst schneller, als man selbst hinterherkommt.
Und dann war da noch die Kleidung.
Heute muss ich darüber fast ein wenig lachen, weil genau daraus irgendwann ein Teil meiner heutigen Geschichte entstanden ist. Damals war es allerdings einfach nur nervig. Eine Hose zu finden, die an der Taille passt und gleichzeitig lang genug ist, war nicht selbstverständlich. Irgendwann wurde es normal, dass eine Hose entweder zu kurz war oder an anderer Stelle nicht richtig saß. Gerade bei sportlicher Kleidung wurde das schnell sichtbar. Eine Jogginghose sollte eigentlich bequem sein – aber wenn sie ständig über dem Knöchel endet, fühlt sie sich eben nicht mehr richtig an.
Damals habe ich mir natürlich keine Gedanken über Begriffe wie Langgröße, Überlänge oder Mode für große Menschen gemacht. Ich wusste einfach nur: Warum gibt es eigentlich keine Hosen, die für Menschen wie mich gemacht sind?
Heute, viele Jahre später, weiß ich, dass ich mit diesem Gedanken nicht allein war.
Was ich damals erlebt habe, begleitet mich bis heute. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich Wilde Joggers gegründet habe. Nicht, weil ich irgendwann beschlossen habe, eine Marke für große Menschen aufzubauen, sondern weil ich selbst weiß, wie es sich anfühlt, wenn Kleidung einfach nicht für den eigenen Körper gemacht ist.
Wenn ich heute große Kinder oder Jugendliche sehe, muss ich deshalb manchmal an mich selbst zurückdenken. An diese Zeit, in der man vielleicht froh sein möchte, groß zu sein, gleichzeitig aber gar nicht immer weiß, wohin mit diesem Körper, der scheinbar schneller wächst als der Rest der Welt mitwächst.
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Blick darauf. Was früher vielleicht unangenehm war, wird irgendwann zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit. Man lernt, mit den Blicken und Fragen umzugehen. Man merkt, dass Körpergröße nicht definiert, wer man ist. Und irgendwann kommt hoffentlich der Punkt, an dem man nicht mehr darüber nachdenkt, ob man zu groß ist, sondern einfach akzeptiert: So bin ich eben.
Heute bin ich froh, groß zu sein. Nicht jeden Tag und nicht in jeder Situation – denn auch als Erwachsener gibt es genügend Momente, in denen die Welt ein bisschen zu klein wirkt. Aber meine Größe gehört zu mir. Und wenn ich heute auf meine Kindheit und Jugend zurückblicke, sehe ich vieles mit anderen Augen.
Vielleicht ist das auch die wichtigste Erkenntnis, die ich großen Kindern und Jugendlichen mitgeben würde: Ihr müsst euch nicht kleiner machen, nur damit ihr besser in eine Welt passt, die manchmal nicht für euch gebaut wurde.
Ihr seid nicht falsch, nur weil ihr größer seid als die anderen.
Und vielleicht ist es irgendwann genau das, was aus dem kleinen Unterschied eine Stärke macht.